Die aktuelle Situation in Chile

blogchile1Beitrag von Jana Rohrbach vom 09. März 2020

Am 3. März wurde in Chile die erste Coronainfektion nachgewiesen. Noch Mitte März, als die Zahl der Infizierten schon auf über 150 Fälle gestiegen war, waren Einkaufszentren, Kinos, Fast-Food-Ketten, Restaurants, Schulen im ganzen Land in vollem Betrieb. Am 14. März zog der Gesundheitsminister die von Experten empfohlene Maßnahme, landesweit die Schulen zu schließen, nahezu ins Lächerliche. Weil die Regierung unter Präsident Piñera nur sehr langsam Maßnahmen ergriff, traten vielerorts die Bürgermeister in Aktion um Schulen zu schließen und lokale Quarantänen zu verordnen. Dann schließlich, am 19. März rief die Regierung für vorerst 90 Tage den Katastrophenalarm aus und beschloss nach und nach verschiedene Maßnahmen. Der Ladenpreis von handelsüblichen Desinfektionsmitteln war – üblich in einem absolut marktregierenden System - inzwischen schon ums Fünffache gestiegen.

Nationaler Notstand

Neben einer landesweiten Ausgangssperre von 22 bis 5 Uhr um soziale Kontakte eindämmen und das Einhalten von Quarantänemaßnahmen besser kontrollieren zu können wurden Ausgangssperren in einigen, vom Virus besonders betroffenen Gebieten (einzelne Viertel der Hauptstadt und mehrere Städte landesweit) verordnet. In jedem Gebiet gelten individuelle Regelungen bezüglich der Uhrzeiten und Dauer der Ausgangssperren. Außerdem bestehen Ein- und Ausreiseverbote in/aus besonders gefährdeten und vulnerablen Gebieten („cordones sanitarios“) und es werden an kritischen Punkten Gesundheitskontrollen („aduanas sanitarias“) durchgeführt.

Nachdem die Zahl der Infizierten stieg, wurde bekannt gegeben, dass die Durchführung von Corona-Tests, unabhängig von der jeweiligen Krankenversicherung, für den Patienten kostenfrei sei. Außerdem, (weil der Coronavirus offiziell als Pandemie eingestuft wurde) müssen die privaten Krankenkassen („Isapres“) die bei einer Infektion anfallenden Behandlungskosten übernehmen. Die Tatsache, dass diese Kostenübernahmen nicht selbstverständlich sind, zeigt die Unzulänglichkeiten und das Versagen der Krankenversicherungen deutlich auf.

Des Weiteren haben sieben (der insgesamt neun) privaten Krankenkassen am 31. März dieses Jahrs eine Beitragserhöhung um 3-4,9% bekanntgegeben.Dies inmitten der größten Gesundheitskrise unserer Zeit! Erst nach massiver Kritik und der Forderung nach staatlichem Eingreifen reagierte die Regierung. In einer Pressekonferenz teilte der Präsident Piñera mit, dass die Beitragserhöhungen um drei Monate verschoben würden. „Für die 3 Millionen betroffenen Chilenen sei dies eine sehr gute Nachricht“, so der Präsident in seiner dreiminütigen Stellungnahme.

Im Rahmen der Aufstockung von Intensivbetten und Beatmungsgeräten wurden fünf neuen Krankenhäuser vorzeitig in Betrieb genommen und mehrere Notfallkrankenhäuser eingerichtet. Insbesondere die Inbetriebnahme des Veranstaltungszentrums „Espacio Riesco“ als Notkrankenhaus mit 800 Betten hat für großen Ärger und Misstrauen in der Bevölkerung gesorgt. Zwar konnten Aussagen aus den Medien über horrende Mietzahlungen an die privaten Eigentümer der Immobilie (umgerechnet über 18.000 Euro täglich) nicht bestätigt werden, allerdings ist der Fall von Intransparenz und Widersprüchlichkeiten geprägt und schürt Misstrauen und Ärger in der Bevölkerung.

Nach anfänglichem Zögern sind seit dem 15. März Kindergärten und Schulen geschlossen. Momentan ist eine Schließung bis zum 24. April angekündigt, dies beinhaltet die Vorverlegung der zweiwöchigen Winterferien ab dem 12. April. Die Kinder öffentlicher Einrichtungen erhalten im zweiwöchigen Rhythmus ein Essenspaket mit Grundlebensmitteln, das für viele Familien eine essentielle Unterstützung darstellt.

Finanzpaket unterstützt in erster Linie die Wirtschaft

Während der zweiten Märzhälfte gab die Regierung ein Finanzpaket zur Unterstützung von Wirtschaft und Familien bekannt. Dies beinhaltet eine einmalige finanzielle Unterstützung von umgerechnet ca. 60 Euro für finanziell besonders benachteiligte Familien. Diese Maßnahme macht nur 1,5% des Gesamtpakets aus. Der absolute Schwerpunkt der finanziellen Maßnahmen liegt auf der Unterstützung von Betrieben und der Aufrechterhaltung der Wirtschaft. Dabei muss man beachten, dass große Teile der Bevölkerung im informellen Sektor tätig sind, selbständig oder auf Projektbasis arbeiten und nun teilweise komplett ohne Einkommen dastehen.

Bürger*innen protestieren mit Kochtopf-Konzerten und fordern landesweite Quarantäne

Gleichzeitig fordertenForderung nach staatlich angeordneter Quarantäne diverse Organisationen und Bürgervereinigungen die Regierungen auf, die Maßnahmen zu verstärken, konkret wird der Ruf nach einer landesweiten Quarantäne immer lauter. Mit Petitionen und Kochtopf-Konzerten von zu Hause aus wird insbesondere diese Maßnahme eingefordert. Die Regierung, die auch während der Pandemie an erster Stelle die Wirtschaft und erst an zweiter das Wohlergehen der Menschen im Blick zu haben scheint, hat das Vertrauen der Gesellschaft vollends verloren. Noch da zu ist man sich über den desolaten Zustand des Gesundheitssystems bewusst, welches schon in „normalen Grippewintern“ kollabiert.
Forderung nach
staatlich angeordneter Quarantäne

Die Menschen fühlen sich alleingelassen, wie so oft, und fangen an - auch das ist nichts Neues im krisenerprobten Chile - selbst tätig zu werden. In mehreren ländlichen Gegenden haben Bewohner die Zufahrtswege verbarrikadiert um sich vor der Ausbreitung des Virus zu schützen.

Nicht wenig Menschen motiviert das fehlende Entertainment von Kinos und Shopping-Malls zu Ausflügen in ländliche Gegenden und große Teile der Bevölkerung halten die Empfehlungen zu Ausgangs- und Kontakteinschränkungen nicht ein. Auch hier bei uns im Dorf wächst die Sorge, insbesondere um den sehr hohen Anteil der älteren Generation. Die Bewohner haben in Eigenarbeit Schilder angefertigt und aufgestellt um die Besucher aufzurufen, doch lieber zu Hause zu bleiben. Die Aufrufe zu Solidarität und Mitmenschlichkeit sind – sicherlich auch angestoßen durch die Massenproteste vom letzten Jahr – lauter geworden. Die politischen Proteste, die während der ersten Märzwoche wieder massiver wurden, sind durch Corona weitestgehend abgeebbt.

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Meiner Einschätzung nach war dabei allerdings nicht das Versammlungsverbot ausschlaggebend, sondern das Bestreben der Bewegung, das Virus in Schach zu halten und solidarisch zu handeln. Das Verschieben der für Ende April angesetzten Volksabstimmung über eine neue Verfassung auf Oktober wurde von der Bevölkerung relativ klaglos hingenommen, auch wenn gelegentlich Stimmen laut werden, Piñera würde das Virus zur Eindämmung der Proteste instrumentalisieren und es käme ihm nicht ungelegen, zum Beispiel um wieder mehr Zustimmung vom Volk zu erlangen (im Dezember lag sie bei nur 6%).

Blockieren von Zufahrtswegen
aus Angst vor der Verbreitung des Virus'

Das Verhalten der Regierung und der Umgang von privaten Betrieben mit ihren Arbeitnehmer*innen (schon jetzt sind Tausende entlassen worden) schürt die schon vorher dagewesene Wut der Bürger*innen nur noch stärker.blogchile3 Die tiefe Spaltung der Gesellschaft, die ungleiche Verteilung des Reichtums, das Hauptaugenmerk auf wirtschaftliches Wachstum, Korruption und Vetternwirtschaft, die weitreichende Privatisierung von Bildung, Naturgütern, Gesundheit etc., all das, was die Menschen vor Monaten auf die Straße brachte, wird durch die Gesundheitskrise nur noch sichtbarer gemacht. Der chilenische Präsident liess sich vor wenigen Tagen mit breitem Grinsen und hochgekrämpelten Armen auf der Plaza Italia ablichten. Der Platz – von der Bewegung umbenannt in “Plaza de la dignidad”, Platz der Würde -  war wochenlang zentrales Epizentrum der Proteste und Demonstrationen, aber auch der vielen Menschenrechtsverletzungen und ist nun, aufgrund der verordneten Quarantäne des Stadtviertels, menschenleer. Spätestens seit dieser verachtenden und zutiefst provozierenden Geste in Zeiten von Angst und Sorge ist allen bewusst: sollte die Epidemie irgendwann überstanden sein werden die politischen Protest erneut aufflammen –  wahrscheinlich massiver und kraftvoller als je zuvor.

„Bleib zu Hause“

Unsere persönliche Situation in einem Dorf in Südchile

Wir leben erst seit November wieder in Chile und wollten gerade im März, nach über zwei Monaten Sommerferien unserer beiden Kinder, erste Projekte anstoßen und auf Jobsuche gehen. Natürlich ist jetzt erst einmal alles ausgebremst und es ist nahezu unmöglich in der momentanen Situation neues aufzubauen bzw. selbständig Projekte zu entwickeln. Wir haben Glück auf dem Land mit sehr viel Platz und Natur zu leben, so dass uns das zu-Hause-bleiben nicht so viel ausmacht. Es gibt viel zu tun, die Tiere, der Gemüsegarten, Holz für den Winter machen, Renovierungsarbeiten am Haus, und Langeweile kommt eigentlich nie auf. Noch dazu wohnt auf unserem Grundstück momentan noch eine befreundete Familie mit Kindern, sodass wir vieles, auch Homeschooling, in Gemeinschaft machen und die Kinder immer wen zum Spielen haben.  Auch in einer kleinen Dorfgemeinschaft zu leben, wo es lokale Strukturen gibt, einen kleinen Einkaufsladen, Nachbarn, die Gemüse, Eier, Brot verkaufen, eine kleine Krankenstation, eine gut organisierte Nachbarschaftsvereinigung usw., fühlt sich mehr denn je sehr gut an. Wir verfügen also auch (oder gerade) während dieser Krise und inmitten des momentan fragilen staatlichen Systems, auf familiärer Ebene einen guten Grad an Unabhängigkeit, Sicherheit und Resilienz.

Zur Autorin: Jana Rohrbach (MSc. Tropical and International Forestry), bis vor kurzem BtE-Referentin in der Region Göttingen, lebt seit Ende letzten Jahres mit ihrer Familie wieder in Chile. Von 2008-2015 lebte sie ebenfalls in Chile und war dort u.a. für die GIZ und CIM tätig. Aktuell lebt ihre Familie in Südchile in der Region de los Rios in Punucapa, einer kleinen Ortschaft ca. 15 km von Valdivia entfernt.