Die aktuelle Situation in Äthiopien

IMG 20200409 WA0000Ein Beitrag von Anne Schorling vom 16. April 2020

Beispiel für solidarische Nachbarschaftshilfe

Von Anfang Januar bis Anfang März war ich in Äthiopien, im Osten Afrikas. Dort habe ich bei meinen Freunden den Beginn der Fastenzeit miterlebt. Sie sind orthodoxe Christen.

In der Fastenzeit werden dort im Alltag besondere Gebetsstunden und Andachten wahrgenommen – zu Hause und / oder in der Kirche. Morgens wird auf das Frühstück verzichtet, vor 12.00 Uhr wird nichts gegessen und nichts getrunken. Bei den Mahlzeiten wird auf tierische Produkte verzichtet - kein Fleisch, keine Eier, kein Käse. Zusammen mit meinen Freunden habe ich dann mal ausgerechnet, wieviel Geld wir in der Fastenzeit sparen, wenn wir - im Drei-Personen-Haushalt - sieben Wochen lang auf das Frühstück und auf besondere Fleischgerichte verzichten. Das so gesparte Geld sollte dann für bedürftige Menschen gespendet werden. Nun blieb ich ja nicht die ganze sieben-wöchige Fastenzeit in Addis Abeba, wollte mich aber gerne an dieser „Fasten-Spenden-Aktion“ beteiligen. Und so ließ ich einen entsprechenden Geldbetrag dort. Und dann kam das, womit wir zunächst nicht gerechnet hatten: Das so gesparte Geld konnten wir gerade aktuell sehr gut gebrauchen bzw. schon gleich weitergeben.

Einer der Nachbarn – er ist Tagelöhner – hat wegen der Corona-Pandemie seine Arbeit verloren. Er war sehr verzweifelt, denn er wusste nicht, wie er Lebensmittel für seine Frau und seine zwei schulpflichtigen Kinder beschaffen sollte. Amsalu, mein äthiopischer Freund, war sofort hilfsbereit und hat ihm umgehend einen Teil des gesparten Geldes gegeben, in Höhe von 2000,00 Birr. Das sind umgerechnet ungefähr 60,00 EURO.

Der Nachbar war überglücklich. Er sagte, dass er von dem Geld so viel Teff-Getreide und Shiro-Mehl kaufen könnte, dass das für zwei Monate reicht, um für die Familie Fladenbrot zu backen und dazu Shiro-Soße zu kochen und ab und zu etwas Gemüse.

Und hier in Oldenstadt bekam ich dann aus Addis Abeba auch prompt einen Dankeschön-Anruf.

Die Freude war auf allen Seiten groß: Ostern kann kommen!
… und nach dem Julianischen Kalender findet das Osterfest in Äthiopien erst am kommenden Sonntag, 19.04.2020 statt.

Auch im Bereich Hygenie und Selbsthilfe engagiert sich Amsalu:

IMG 20200409 WA0001Mein Freund Amsalu hat vor dem Eingang der kleinen Straße, die in ein Wohngebiet führt, einen Wasserkanister und Seife aufgestellt. Alle Anwohner, Boten und Bauarbeiter, die in die Straße wollen, müssen sich gründlich die Hände waschen. Ein Guard kontrolliert das. Das Wasser liefert Amsalu per Schlauch aus seinem Haus. Die Kosten von Seife und Desinfektionsmittel werden von den Nachbarn geteilt.

Und was in Äthiopien von Anfang an vorbildlich getan wurde, um möglichst auch die abgelegensten Orte zu erreichen, ist die Information über Vorbeugungsmaßnahmen, die Telecom geschaltet hat. D.h., wenn du jemand anrufen willst, musst du erstmal die Information über Corona anhören.

Zur Autorin: Die Sozialwissenschaftlerin Anne Schorling war lange Jahre in der Entwicklungszusammenarbeit in Äthiopien in den Bereichen Stadtentwicklung, Bildung und Bürgerbeteiligung tätig. Bis heute pflegt sie beruflich und privat enge Beziehungen zu Äthiopien und baut auch in der Bildungsarbeit bei Bildung trifft Entwicklung an ihrer ‚deutsch-äthiopischen Brücke‘.