Die aktuelle Situation in Mosambik

Posto de saude minAlltag unter Corona – Impressionen aus Beira / Mosambik

Beitrag von Kande Nkula (Beira) vom 24. April 2020 übersetzt von Ulrike Christiansen

Von Idai zu Corona – so könnte der Titel dieses kurzen Berichts lauten. Ein Leben im Rhythmus von (Natur)Katastrophen, von menschlichem Leid, aber auch der Fähigkeit, Krisen zu meistern. Die Wunden von Idai sind noch nicht verheilt, da steht schon die nächste Herausforderung in Form des Corona-Virus vor der Tür.

Wie geht die Bevölkerung mit der Bedrohung durch Corona um?

Die Situation wirkt apokalyptisch: Mosambik hat wie der Großteil der afrikanischen Länder keine Infrastruktur, um die Opfer der Seuche angemessen begleiten und betreuen zu können. So hat Beira, die zweitgrößte Stadt des Landes und die Hauptstadt der Provinz Sofala, lediglich zwei Beatmungsgeräte für mehr als 600.000 Einwohner*innen.

Staatlicher Notstand

Natürlich: der Staat rief den Notstand für 30 Tage (bis Ende April) aus, das Gesundheitsministerium ordnete Präventionsmaßnahmen an und die Polizei überwacht deren Einhaltung. Schulen, Universitäten und Kindergärten sind geschlossen. Aber für die Bevölkerung ist es nicht so einfach, die Maßnahmen zu befolgen. Im Gegenteil erweist es sich als dermaßen schwierig, dass der Staat einige Verbote wie das Fahren von Motorradtaxis oder bspw. die Förderbeschränkung von Passagieren im öffentlichen Nahverkehr aufgehoben hat. Dies auch, um die Bevölkerung, die zum großen Teil vom informellen Sektor lebt, zu beruhigen.

Was zusätzlich die Situation verkompliziert, ist, dass die Bevölkerung die begrenzenden Maßnahmen nicht respektiert. Was für alle gefährlich ist. Das Verhalten ist verständlich, wenn man die gewichtigen sozioökonomischen Zwänge ansieht, die das Leben der Familien bestimmen.

Auswirkungen auf den informellen Sektor

Mehr als 70 Prozent der Familien leben vom informellen Sektor, d.h. sie bestreiten ihren täglichen Lebensunterhalt über Verkäufe auf dem Markt, an Straßen und anderen Orten. Hiermit aufzuhören bedeutet, die Familien dem Hunger und Krankheiten preiszugeben sowie der extremen Armut. Kurz: das Dilemma dieser Familien heißt Sterben durch Covid-19 oder durch Hunger. Die Wahl fällt unglücklicherweise auf das Nichteinhalten der Präventivmaßnahmen, um die eigene Familie nicht dem Hunger preiszugeben. Die Märkte sind nach wie vor voll von Käufern und Verkäufern ohne räumliche Distanz, und auch die Supermärkte und Geschäfte funktionieren nach wie vor nach demselben Prinzip. Ein Fakt, der die Verbreitung des Virus nicht einzudämmen hilft!

Im Gegensatz zu Europa bzw. Deutschland kann es sich Mosambik nicht leisten, Familien, Arbeiter*innen und Unternehmen finanziell zu unterstützen. Seit 2013 erlebt das Land eine finanzielle Krise, aber auch eine politische Instabilität insbesondere im Norden und in der zentralen Mitte des Landes.

Schwächste Teile der Bevölkerung leiden besonders

Genau wie nach dem verheerenden Sturm im letzten Jahr ist die Situation besonders für bestimmte Gruppen heikel: Alte Menschen, Witwen, Waisen und chronisch Kranke. Da es keine entsprechende Betreuung und Unterstützung gibt, sind diese Gruppen dem Tod preisgegeben: sei es aus Hunger oder aufgrund des Virus.

Neue Wege

Paradoxerweise bringt Covid-19 neben der tödlichen Bedrohung aber auch etwas Neues in die Gemeinschaft und in die Familien: Das Virus hilft die Solidarität untereinander, den bewussteren Umgang miteinander verstärken, die Ernsthaftigkeit im Leben. Mit den Beschränkungen werden Wege der Meditation, des Gebets und des genügsamen Lebensstils entdeckt.

In der Geschichte des mosambikanischen Volkes wird es ein Vor- und ein Nach-Covid-19 geben. Zwischen den beiden Phasen lebt die Bevölkerung ohne übertriebene Angst aber mit wachsender Widerstandskraft.

Zum Autor: Dr. Kande Nkula ist promovierter Ökonom und ehemaliger Rektor einer freien Universität in Beira. Er engagiert sich im Aufbau eines Gesundheitszentrums für mehrere Stadtviertel (Bairros) in Beira.

Ein Bericht von Celeste Beatriz (Beira) übersetzt von Ulrike Christiansen

Einschränkungen in Zeiten von Corona im Bairro Matacuane, Beira

Das tägliche Leben entwickelt in dieser Krise sowohl positive als auch negative Aspekte:
Positiv sind, daß sich die Familie wieder näher kommt und die Mahlzeiten gemeinsam zu festen Zeiten eingenommen werden, Gleichzeitig wird sich wieder an die Exitenz Gottes erinnert. Negativ dagegen schlägt zu Buche, dass an öffentlichen Orten und im öffentlichen Transport Masken verpflichtend sind, die Desinfektion der Hände in Häusern und Betrieben vorgeschrieben ist und die Angst, sich anzustecken, traumatisierend wirkt.

Schwierigkeiten entstehen, weil es nicht genügend Masken gibt und dort, wo es sie gibt, sind sie extrem teuer. Mehrere Unternehmen und Geschäfte mussten schließen, was zahlreiche Entlassungen nach sich zog. Fehlende Einkommen stellen nun vielerorts den Familienunterhalt nicht mehr sicher.
Neue Möglichkeiten entstehen für einige Menschen, die sich darauf spezialisieren, Masken für den täglichen Verbrauch bspw. aus Capulanas - Capulana heißen die bunt bedruckten, gemusterten Stoffe, die in Mosambik als Kleidungsstück, Gebrauchsgegenstand oder Designobjekt überall präsent sind - zu fertigen und somit in der Lage sind, von der Krise zu profitieren.
Herausforderungen sind vor allem die Vorgaben, Distanz zu halten. Dies ist nicht einfach für Menschen, die es gewohnt sind, in engem Kontakt miteinander zu leben und den Tag zu verbringen. Eine ebenfalls große Herausforderung, die sich vielen Mosambikanern stellt, ist es, in dieser Zeit ihren Glauben praktisch zu leben.

Zur Autorin: Celeste Beatriz ist Krankenschwester und studierte Ernährungswisenschaftlerin und unterrichtet an einer Hochschule in Beira. Sie leitet eine Gesundheitsstelle im Bairro Muchanga in Beira.

Zur Übersetzerin: Ulrike Christiansen arbeitet seit vielen Jahre in der außerschulischen Erwachsenenbildung. Von 2010 – 2014 war sie für die Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit in Mosambik tätig, wo sie für die staatliche Verwaltungsschule in Zusammenarbeit mit einheimischen Fachkollegen Fortbildungskonzepte und -module entwickelte. Z.Zt. berät sie über den Senior Expert Service den Aufbau eines Gesundheitszentrums in Beira.