Die aktuelle Situation in Guatemala

Lehrkräfte der MayaschuleBeitrag von Heike Kammer vom 29. April 2020

In Guatemala steht das öffentliche Leben ebenso still wie in anderen Teilen der Welt: Schulen, Bibliotheken, Werkstätten und Restaurants bleiben geschlossen. Im Land herrscht Ausnahmezustand. Die Regierung hat schon früh drastische Maßnahmen ergriffen, um die Ausbreitung des Virus einzudämmen. Seit dem 22.03. darf sich zwischen 16 und 4 Uhr niemand mehr draußen aufhalten. Die Vorgaben werden durch die Sicherheitskräfte rigoros überwacht.

Lehrer*innen der Mayaschule in Guatemala

Ängste in der Bevölkerung über die Verbreitung des Virus durch Rückkehrer*inen aus den USA

Die Corona-Pandemie trifft im Fall Guatemala auf ein Land, das strukturell nicht darauf vorbereitet ist, eine medizinische Notlage adäquat zu handhaben. Im Durchschnitt kommen auf einen Arzt 2.500 Einwohner*innen. Im Vergleich: In Deutschland kommen auf einen Arzt im Durchschnitt 211 Einwohner*innen. Als gesichert gilt, dass infizierte Personen aus den USA deportiert wurden. Viele Menschen geben der Regierung von Donald Trump für die Verbreitung des Virus in Guatemala die Schuld. So versammelte sich in Quetzaltenango am 15. April trotz Ausgangssperre eine aufgebrachte Menschenmenge und wollte die Unterbringung der zurückgeführten Migrant*innen in ihrer Nachbarschaft verhindern.

Das Virus trifft nicht alle gleichermaßen

Die Angst vor dem Virus mischt sich mit Armut und Hungersnot. Wichtig zur Eindämmung des Virus ist das häufige Händewaschen und das Abstandhalten. Aber nur gut die Hälfte der Haushalte haben täglich fließendes Wasser. 44 Prozent der Bevölkerung leben in Häusern mit nur einem Schlafzimmer. 45 Prozent haben keine an die Kanalisation angeschlossene Toilette. Diese Zahlen sprechen gegen eine häusliche Quarantäne, nur Personen der Mittel- oder Oberschicht können sich dieses Privileg der „sozialen Isolierung“ überhaupt erlauben. Ein großer Anteil an Menschen arbeiten im informellen Sektor oder als Tagelöhner*innen, was bedeutet sie ohne Arbeit auch kein Geld für Essen haben. Die Mehrheit der Bevölkerung, insbesondere der Armen gehört zur Kultur der Maya.

Puppentheater in einer SchuleEin Bericht von vor Ort

Meine letzte Reise in die Region liegt ein Jahr zurück. Ich habe vor allem Schulen besucht und mein Puppentheater für Frieden und Umwelt aufgeführt: Eine der Schulen, die ich besuchte heißt K’astajib’äl. Hier legen die Lehrkräfte besonderen Wert darauf den Kindern die eigene Geschichte und Kultur, die der Mayas, zu vermitteln und diese weiterzutragen und wertzuschätzen. Dazu werden auch Eltern und Großeltern als Zeitzeug*innen in den Unterricht eingeladen. Die Schule hat 18 Lehrkräfte und unterrichtet 130 Kinder und Jugendliche. Die Familien leben von Tagelohn, Verkäufen auf Märkten, vom Verkauf von Kunsthandwerk oder haben Angehörige in den USA, die Geld nach Hause schicken. Da die Schule kaum staatliche Unterstützung erhält, müssen die Familien Schulgeld bezahlen.

Die Direktorin Marta schrieb mir: „Auf Anordnung der Regierung mussten wir die Schule schließen und versuchen aber die Kinder weiter zum Lernen zu animieren. Wir schicken ihnen die Aufgaben per WhatsApp. Sie machen dann ihre Aufgaben, fotografieren sie und schicken sie uns wieder über WhatsApp zurück. Es ist schwer, denn die Familien haben jetzt andere Sorgen. Eine Mutter berichtete mir, dass ihr Mann in den USA arbeite und krank sei. Sie mache sich große Sorgen. Einige unserer Familien sind auf die Rücküberweisungen Angehöriger aus den USA angewiesen und vielen fehlt diese lebensnotwendige Unterstützung jetzt. Andere leben vom Verkauf selbst hergestellten Kunsthandwerks, meistens an Tourist*innen, die jetzt ausbleiben. Da jetzt viele Familien kein Einkommen haben, können wir die Lehrkräfte bald nicht mehr bezahlen.“

Schülerinnen beim gemeinsamen Spielen der Marimba  Frauen aus der Nachbarschaft übernehmen die Essensversorung in der Schule

Kinder beim Spielen der Marimba                         Versorgung der Schulkinder mit lokalem Essen

In diesem Jahr wollten einige Kinder und Jugendlich mit der Marimba andere Schulen besuchen. Sie verbinden das mit Workshops zu Gewaltfreiheit und Wertschätzung der Mayakultur. Daraus wird nun erst mal nichts.

Wie soll es nun weiter gehen?

Milpa FeldMarta sagt: „Unsere Lehrkräfte leben von ein paar Ersparnissen und auch die Schule hat noch etwas Geld. Aber lange wird es nicht reichen. Wir haben ein kleines Feld und laden Familien und Lehrkräfte ein Nahrungsmittel dort anzubauen. Zum Glück haben wir uns die Kultur der Mayas bewahrt immer eine Milpa (ein Feld) mit etwas Mais und Bohnen anzupflanzen. Aber wenn du von Lebensmittelspenden erfährst, bitte gib mir Bescheid.“

Die Frage, wie es für Marta und ihr Dorf nun weitergeht, bleibt.                                                     Ein Milpa-Feld der Mayas (Mais, Bohnen, Kürbis, u.a.)

Zur Autorin: Heike Kammer, Puppenspielerin und Friedenstheaterpädagogin war als Freiwillige für PBI in El Salvador, Guatemala, Kolumbien und Mexiko und dort im Bereich der Friedensförderung und Konfliktbearbeitung tätig. Heute reist sie mit ihrem Puppentheater und als Referentin des Globalen Lernens durch Deutschland und die Welt.