Die aktuelle Situation in Ecuador

coronavirus bildungsmaterial für sionaBeitrag von Jorge R. Imbaquingo übersetzt von Yvonne Rössler vom 20. Mai 2020

„MESET“ und „unguykuna“ – Neue Worte für die Pandemie

In der Sprache der Shuar (Shuar bedeutet in der Sprache der Shuar „Menschen“ und bezeichnet die Angehörigen eines indigenen Volkes, das im Amazonastiefland östlich der Anden in Ecuador beheimatet ist) gibt es kein genaues Wort, um zu definieren, was eine Pandemie ist. Das war eine der Herausforderungen, denen sich die freiwilligen Übersetzer*innen stellen mussten, die sich zum Ziel gesetzt haben über COVID-19 informieren und die Bevölkerung auf die Pandemie vorzubereiten.

Bildungsmaterial der Siona

"Meset" als Begriff für eine sehr ernste Situation

Schließlich einigten sie sich darauf, diesen Notfall als „Meset“ zu bezeichnen, damit die Gemeinschaften dieser Indigenen den Ernst der Lage verstehen können.

Die wörtliche Übersetzung des Shuar-Wortes Meset lautet "hohe Schwerkraft". Meset ist ein Wort, das sehr gut die Probleme definiert, die sich z.B. aus dem Krieg und aus einer Situation ernsten Schocks für seine Sprecher*innen ergeben. Die Bedeutung des Wortes lässt sich daher leicht an den Kontext einer Pandemie anpassen. "Sprachen kreieren ihre Worte nach den Bedürfnissen ihrer Sprecher*innen. Bis vor kurzem gab es den Begriff Coronavirus im Spanischen nicht, und jetzt ist er allgemein gebräuchlich. In dem Moment, in dem Wörter beginnen, Teil des Lexikons zu werden, werden sie normalisiert", sagt Pilar Cobo, eine Expertin für Lexikographie. Tom Sharupi ist einer der Übersetzer der Shuar-Gemeinschaft. "Krankheit, Covid-19, Pandemie, sind Wörter, die nicht in unserem Lexikon stehen. Wir mussten ähnliche Worte anpassen.”

Der Prozess einer gemeinsamen Wortfindung

Die Methode, für die sich das Shuar-Übersetzungsteam entschieden hat, bestand darin, sich an die Älteren der Shuar, die als besonders Weise angesehen werden sowie Shuar, die eine interkulturelle zweisprachige Ausbildung absolviert haben, zu wenden. Gemeinsam gelang es ihnen, Worte zu finden, die die größte Affinität zur Krise des Covid-19 hatten.

Dieser Prozess wurde in acht verschiedenen indigenen Sprachen wiederholt. Andrés Tapia von der Konföderation der indigenen Nationalitäten des ecuadorianischen Amazonasgebietes (Confeniae) erklärt, dass es im ecuadorianischen Osten elf indigene Nationalitäten gibt, von denen acht ihre Originalsprachen am Leben erhalten: Shuar, Achuar, Waorani, Kichwa, Shiwiar, Cofan, Siona und Siacopai.
Andrés Tapia sagt, dass die jungen Menschen der Gemeinden die Initiative ermöglicht haben. Sie sehen es als ihre Aufgabe, die Begriffe der Prävention zu vermitteln, um eine Ansteckung zu vermeiden, aber sie helfen damit gleichzeitig auch, die Sprachen am Leben zu erhalten und bieten eine Unterstützung für diejenigen der älteren Menschen, die kein Spanisch sprechen, und für die Kinder, die ebenfalls nur ihre indigenen Sprachen sprechen.

Eslendy Grefa gehört zum Team der Kichwa-Übersetzer*innen. Sie sagt, dass das Wort Pandemie am schwierigsten zu übersetzen sei. Schließlich wurde der Begriff „unguykuna“ angepasst.

coronavirus bildungsmaterial waorani

 

 

 

 

 

 

 

 

Bildungsmaterial zur Aufklärungsarbeit der Waorani

Sprache als Spiegel der Kultur

Die Anthropologin Heidi Naranjo sagt, dass die meisten indigenen Sprachen gesprochene Sprachen sind einer oralen Kultur entstammen, so dass ihre Weltanschauung den Grundstein des Verständnisses ihrer Realität legt. Daher ist ihrer Meinung nach die Anpassung sowohl der Shuar-Meset-Begriffe als auch der Kichwa-Unguykuna-Begriffe ein Hinweis darauf, welche Charakteristika die verschiedenen Indigenen aufweisen und worin sie sich unterscheiden.
"Für die Shuar, die ursprünglich eine Kultur der Kriegergesellschaft pflegten, wird die Anpassung eines Begriffs wie „Meset“ diese sicherlich die Bedeutung oder den Ernst des Augenblicks erkennen lassen", sagt Naranjo.
"Auf der anderen Seite haben die Kichwas ein Bewusstsein für die Natur und die Gegenwart, und deshalb haben sie diesen Begriff verwendet: „Unguy“ (Krankheit) und „Kuna“ (der Plural), so dass sie denken könnten, er beziehe sich auf einen sehr ernsten Zustand oder wie die Krankheit von Krankheiten", sagt Naranjo.

Bildungsmaterialien als Aufklärung über das Virus

Der erste Teil der kommunikativen Arbeit zur Konfrontation mit Covid-19 war die Übersetzung, ein weiterer Schritt ist dann die Entwicklung von Bildungsmaterialien gewesen. In den Gemeinden werden Leitfäden mit Präventiv- und Aktionsmaßnahmen zur Identifizierung der Symptome einer Covid-19-Erkrankung gedruckt.
Darüber hinaus ist das Netzwerk der Radiosender der Gemeinden für die Produktion von Radionachrichten zuständig. Auch kommerzielle Radiosender des Landes haben sich dieser Aktivität angeschlossen, als eine Form der Hilfe für Menschen, die kein Spanisch sprechen. Die Übersetzerin Eslendy Grefa sagt, dass die Produktion dieser Audiomaterialien gut ankommt, insbesondere an Orten, die schwer zugänglich sind und nur mit dem Kanu oder Flugzeug erreicht werden können. "Das Radio hilft uns sehr dabei, vor dem Hintergrund von Covid-19 das Thema Hygenie und Pflege zu verbreiten".

"Was für uns am wichtigsten ist, ist, dass wir unseren Brüdern helfen können, gesund zu bleiben, aber auch unsere Traditionen, unsere Kultur und unsere Sprache am Leben zu erhalten", so Tom Sharupi abschließend.

Mehr Hintergründe und Möglichkeiten der Unterstützung gibt es u.a. hier: https://give.amazonfrontlines.org/campaign/amazon-action-fund-covid-19/c279501

Zur Verfasserin: Yvonne Rössler ist BtE-Mitarbeiterin bei Engagement Global in Bonn und hat den Beitrag aus dem Spanischen übersetzt