Die aktuelle Situation in El Salvador

Verteilung von NahrungsmittelnBeitrag von Heike Kammer vom 26. April 2020

Staatliche Verordnungen

Das kleine Land EL Salvador mit seinen rund 7 Millionen Einwohner*innen hat offiziell 79 infizierte Personen und meldete fünf Todesopfer (Stand: 8. April). Am 21. März verhängte Präsident Nayib Bukele eine vollständige landesweite 30-tägige Ausgangssperre. Die Ausgangssperre wurde vorerst (Stand: 16. April) bis zum 5. Mai verlängert.
                                                                             Selbstorganisierte Bürger*innen klären über Corona auf und verteilen Grundnahrungsmittel, Hygieneartikel und Schutzmasken 

Anfangs hielten sich die Menschen in der Hauptstadt San Salvador nicht an die Ausgangssperre. Sie versammelten sich auf den Straßen, um staatliche Hilfen zu fordern, damit sie die Krise überstehen können. Präsident Nayib Bukele reagierte mit Fördermaßnahmen. Unterstützt werden sollen rund 1,5 Millionen Haushalte, die normalerweise informeller Arbeit wie bspw. dem Straßenverkauf nachgehen, die aber offiziell in legalisierten Wohnorten registriert sind (Quelle: Reuters). Die Ausgangssperre in El Salvador wird teils mit massiver Gewaltandrohung durchgesetzt. Die LA Times berichtet davon, dass Straßengangs als Hüter der Ausgangssperre mit Baseballschlägern und Drohvideos auftreten (Quelle: www.latimes.com). Ein Phänomen, das auch in den brasilianischen Favelas zu beobachten ist.

Persönliche Situation in Deutschland

Am Freitag den 13. März 2020 begann in Deutschland der Shutdown. Als Puppenspielerin und Referentin im Globalen Lernen, brach mein ganzer Terminplan zusammen. Erst dachte ich an mich und meine Kolleg*innen hier in Deutschland: Keine Arbeit, kein Einkommen…

CarlosKinderzentrum El Zaite

 

 

 

 

 

   Heikes Projektpartner und Freund Carlos          Das Kinderzentrum El Zaite

Betroffenheit in praktische Solidarität verwandeln

Dann bekam ich Nachricht von Carlos, einem guten Freund in El Salvador, Mittelamerika. Wir kennen uns seit Weihnachten 1987. Damals im Bürgerkrieg koordinierte er Projekte, die Kinder betreuen, welche im Krieg von ihren Eltern getrennt wurden oder diese ganz verloren hatten. Am Stadtrand von Zaragoza entstand die Siedlung El Zaite, gegründet von geflüchteten Familien. Carlos half hier einen Kindergarten und Jugendprojekte zu organisieren.

Das Kinderzentrum El Zaite in der Gemeinde Zaragoza, El Salvador, betreut derweil ganztägig 50 Kinder im Alter von vier bis sechs Jahren aus Familien, die in wirtschaftlich sehr armen Verhältnissen leben, und die von familiärer Desintegration aufgrund von Bandengewalt betroffen sind. Meine Mutter, die zu der Zeit in einem Kindergarten in Berlin arbeitete, initiierte eine Partnerschaft beider Kindergärten. Immer wenn ich in El Salvador bin, besuche ich das Kinderzentrum mit meinem Puppentheater. Vor ca. einem Jahr war ich das letzte Mal dort vor Ort.

Bericht von Carlos

"Wir mussten also das Kinderzentrum schließen, um die Familien insbesondere die Kinder, schwangeren Frauen und Großeltern nicht zu gefährden. Es herrscht allgemeine Verunsicherung in der Gemeinde. Die Sorgen sind besonders groß bei den Familien, die auf ihren täglichen Lohn angewiesen sind, zum Beispiel diejenigen, die im Dienstleistungssektor in Häusern und Gärten der Wohlhabenden ihr Geld verdienen. Ich bin nun auch zu Hause und stehe in Verbindung mit Sandra und Martita, den Erzieherinnen des Kinderzentrums. Wenn keine Polizeistreifen zu sehen sind, versuchen sie, die Familien aufzusuchen und sie nach ihren dringendsten Bedürfnissen zu befragen. Den Familien fehlen Lebensmittel, Trinkwasser und Schutzmasken. Wir hatten im Zentrum noch Reserven an Reis, Soja und Weizen, und daher fassten wir den Entschluss, in einem ersten Schritt diese Reserven an die Familien zu verteilen."

Verteilung der Essenskörbe

Familie erhält Essenskorb

 

 

 

 

 

 

 

 

  Familien erhalten Essenskörbe

Verteilung von Lebensmitteln an Familien

Mir wurde bewusst, wie privilegiert wir doch in Deutschland sind. Selbst wenn wir kein festes Einkommen haben, müssen wir nicht (ver)hungern. Ich schrieb einen Spendenaufruf und schickte ihn an einige Freund*innen. Die Zukunftsstiftung half mir dabei. Die beiden Erzieherinnen Sandra und Martita organisierten die Verteilung von Essenskörben an die bedürftigsten Familien. So konnten aktuell 130 bedürftige Familien - organisiert vom Kinderzentrum, finanziert durch Spenden aus Deutschland und Frankreich mit Essenskörben versorgt werden. Der landesweite Shutdown wurde verlängert, hier wie dort. Dies bedeutet, dass viele Familien in El Salvador weiterhin dringend auf Nahrungsmittelhilfen angewiesen sind. Daher hier der Link zum Spendenaufruf:

https://www.zukunftsstiftung-entwicklung.de/spenderinnen/alltag-mit-covid-19/el-salvador/#c5632

Die Regierung El Salvadors hatte eine Soforthilfe von 300 Dollar für Familien versprochen, die aufgrund der Ausgangssperre in Schwierigkeiten sind. Aber nur wenige bekamen dieses Geld.

Heike beim Puppentheater in Zacate

Am 20. April schickte mir Carlos Fotos von Zacatecoluca, ein anderes Gebiet, wo er ebenfalls Projekte betreut. Voriges Jahr war ich mit ihm dort. Ich habe in einer Schule Puppentheater gespielt. Eine Lehrerin unterrichtet alle ca. 60 Kinder von Klasse 1 bis 4 gemeinsam.

Die Eltern und Kinder haben einen Schulgarten angelegt und sie haben auch Hühner. Sie erklärten mir, wenn sie Eier mit Gemüse braten, dann reicht das für alle Kinder. Natürlich immer mit Reis, Bohnen und Maistortillas. Ich war schon damals beeindruckt, wie sich diese Leute selbst organisieren. Das zeigt sich auch jetzt in der Krise. 

Heike Kammer 2019 beim Puppentheater in Zacatecoluca

  Schulgarten für SchulessenFrische Tomaten, Radieschen und Paprika aus dem Schulgarten, den Eltern und Kinder gemeinsam bewirtschaften, für das Schulessen

Frauen desinfizieren Einreisende Fahrzeuge

Wasserfahrzeug wird kontrolliert und desinfiziert

 Jedes Fahrzeug wird kontrolliert und desinfiziert. Der LKW (re) bringt teures Trinkwasser.

 

Militärkontrolle

Die Bevölkerung hat sich organisiert und kontrolliert die Zugangswege zu ihren Dörfern. Das Militär wollen sie hier nicht hereinlassen. Dagegen patrouillieren in den meisten Landesteilen Soldaten. Die Hafenstadt Libertad wurde vom Militär abgeriegelt. 

 

 

Militärkontrolle in der Hafenstadt La Libertad

Wer ohne Erlaubnisschein auf der Straße ist wird von Polizei oder Militär in ein Quarantänelagereingesperrt. Dort kommst du dann mit den Corona-Verdachtsfälle zusammen. Noch gibt es wenige Infizierte, aber die Zahl wird steigen. Der US-Präsident Trump schiebt Migrant*innen aus Centroamerica in ihre Heimatländer ab. Einige bringen das Virus aus den USA in ihre Heimatländer mit.

Selbstorganisation in Zeiten von Corona

In El Zaite organisieren sich Familien rund um das Kinderzentrum und ein Frauenkollektiv um sich vor dem Virus zu schützen. Sie nähen Masken und verteilen sie an die Familien. Sie dürfen nicht zur Arbeit aber mit einem „Permiso“, einem Erlaubnisschein darf immer wieder jemand zum Einkaufen. Das Gesundheitsamt stellt nun Desinfektionsmittel zu Verfügung und das Frauenkollektiv desinfiziert anreisende Fahrzeuge.

Martita

       Sandra

Die beiden Erzieherinnen Martita und Sandra engagieren sich in der Nahrungsmittelversorgung für bedürftige Familien

Leider scheint sich die Lage um die Corona-Maßnahmen noch lange nicht zu verbessern. Weder in Centroamerica, noch hier in Deutschland. Auch wenn das Virus alle betreffen kann, ob arm oder reich. Die Armen leiden mehr darunter, besonders auch unter den Maßnahmen, denn Ausgangssperre, Quarantäne bedeutet Hunger. Sandra und Martita werden nochmals Essenskörbe verteilen. Wir hoffen aber, dass sich die Familien bald wieder selbst versorgen können.

Zur Autorin: Heike Kammer, Puppenspielerin und Friedenstheaterpädagogin war als Freiwillige für PBI in El Salvador, Guatemala, Kolumbien und Mexiko und dort im Bereich der Friedensförderung und Konfliktbearbeitung tätig. Heute reist sie mit ihrem Puppentheater und als Referentin des Globalen Lernens durch Deutschland und die Welt.